Parasomnien: Die rätselhaften Phänomene während des Schlafens

Kennst Du das Syndrom des explodierenden Kopfes? Betroffene hören vor dem Einschlafen oder beim Aufwachen schlagartig laute Geräusche wie Gewehrschüsse, ein Türknallen oder Feuerwerk, die es real aber gar nicht gibt. Auch wenn der Name des Syndroms furchteinflößend klingt, verbirgt sich dahinter ein äußerst seltenes und harmloses Phänomen. 

Das „Explodierender Kopf-Syndrom“ gehört wie Schlafwandeln, Albträume, nächtliches Zähneknirschen oder auch Sprechen im Schlaf in die wohl spannendste Kategorie unter den Schlafstörungen: zu den Parasomnien. Was genau sich dahinter verbirgt, welche Formen es gibt und wann Du besser einen Arzt aufsuchen solltest, erfährst Du in unserem Überblick über die große, bunte Welt der Parasomnien. 

Was sind Parasomnien? 

Parasomnien sind Schlafstörungen, die alle gekennzeichnet sind durch abnorme und unfreiwillige Verhaltensweisen, die während des Schlafs oder Schlaf-Wach-Übergangs auftreten. Die störenden Aktivitäten können sowohl im als auch außerhalb des Bettes stattfinden. Manche Ereignisse geschehen einfach im Schlaf, bei anderen Aktionen sind Schlafende aktiv beteiligt. Bei Schlafwandlern oder Menschen mit nächtlicher Angst und Schreckzuständen besteht jedoch die Gefahr, dass sie sich selbst oder andere gefährden. 

Die Beschwerden bei Parasomnien sind sehr vielseitig, aber es gibt auch Gemeinsamkeiten. So gehen die Schlafstörungen fast immer mit Verwirrung, einem reduzierten Reaktionsvermögen, einer schlechten Erweckbarkeit während der Vorkommnisse und einer Amnesie einher. Betroffene können sich am nächsten Morgen in der Regel nicht mehr an die nächtlichen Episoden erinnern. Mögliche Auslöser für die Verhaltensauffälligkeiten in der Nacht sind oft Medikamentenmissbrauch, Alkohol, Stress sowie psychische und einige körperliche Erkrankungen. 

Viele Parasomnien sind noch nicht umfassend erforscht. Fast immer werden sie aber als harmlos eingestuft, weil sie keinen direkten Einfluss auf die Qualität und Erholsamkeit des Schlafs haben. Trotzdem leiden Betroffene durch das nächtliche Treiben häufig unter Tagesmüdigkeit und Schläfrigkeit und berichten von einem gestörten Gesamtschlaf.

Schlafstörungen wiederum können sich negativ auf unsere körperliche und psychische Gesundheit auswirken sowie unser familiäres, soziales, schulisches und berufliches Umfeld negativ beeinflussen. 

Scham- und Schuldgefühle 

Bei Parasomnikern spielen zudem Scham- und Schuldgefühle eine große Rolle. Wenn wir während der Nachtruhe unbewusst merkwürdige Dinge tun, kann das in uns Schamgefühle hervorrufen. Wir fühlen uns insbesondere dann verunsichert und schuldig, wenn wir unseren Partner oder unsere Partnerin im Schlaf belästigen, verängstigen oder zurückweisen. In den meisten Fällen können sich Parasomniker nach dem Aufwachen nicht mehr an ihre nächtlichen Handlungen erinnern, was ein Gefühl der Hilflosigkeit hervorrufen kann. 

Parasomnien: Häufigkeit  

Am häufigsten sind Kinder von Parasomnien betroffen. Bis zu 12,5 Prozent der Kinder unter 12 Jahren erleben sie hin und wieder. Die Phänomene lassen aber meistens nach der Pubertät nach. Im Erwachsenenalter treten Parasomnien eher selten auf, dennoch sind etwa ein bis vier Prozent von derartigen Schlafstörungen betroffen und die Dunkelziffer wird höher eingeschätzt. 

Non-REM-Schlafphasen und REM-Schlafphasen 

Einschlafen, Schlafen und Aufwachen sind komplexe Vorgänge, an denen viele Funktionen des Körpers beteiligt sind. Dazu gehören Funktionen unserer Hormone, das Nerven- und Herz-Kreislauf-Systems, unserer Atmung und Muskelspannung. Die Steuerung der Vorgänge läuft nicht immer nach Plan ab. Dadurch können dann Störungen wie Parasomnien innerhalb unserer Schlafphasen entstehen. 

Um die verschiedenen Non-REM-Schlaf- und REM-Schlaf-Parasomnien besser verstehen zu können, ist ein kleiner Überblick über unsere Schlafphasen hilfreich.

Jede Nacht durchlaufen wir vier- bis sechsmal einen festen Schlafzyklus mit einem gleichen Ablauf der verschiedenen Schlafphasen. Ein Schlafzyklus dauert etwa 90 Minuten an und besteht aus vier Schlafstadien: 

  1. Einschlafphase (Non-REM-Schlaf, N1): In der ersten Schlafphase befindest Du Dich noch in einem dösenden Wachzustand, gleitest aber allmählich hinüber in die Leichtschlafphase. Unsere Muskeln verfügen in der Phase noch über eine leichte Anspannung und unsere Augen bewegen sich nur langsam. 
  2. Leichtschlaf (Non-REM-Schlaf, N2): Im Leichtschlaf entspannen unsere Muskeln, die Glieder werden schwer und es sind keine Augenbewegungen vorhanden. Aus dem Leichtschlaf lassen wir uns noch leicht aufwecken. 
  3. Tiefschlaf (Non-REM-Schlaf, N3): In der Tiefschlafphase sind unsere Muskeln noch entspannter und die Augen sind ruhig. Herzschlag und Atmung werden langsamer und unser Blutdruck sinkt. In dieser Phase können Parasomnien wie Schlafwandeln und Zähneknirschen auftreten. 
  4. Traumschlaf (REM-Schlaf): Die Phase ist gekennzeichnet durch intensive Träume und durch die schnellen Augenbewegungen unter den geschlossenen Lidern. Im Englischen heißen die Augenbewegungen „Rapid-Eye-Movement“, kurz REM. Im REM-Schlaf steigt die Atemfrequenz und die Atemzüge werden tief. Albträume und Schlafparalysen sind mögliche Parasomnien.  

 

Schlafmediziner unterscheiden zwischen Non-REM-Schlaf-Parasomnien (Aufwachstörungen), REM-Schlaf-Parasomnien und Parasomnien, die keiner bestimmten Schlafphase angehören. 

Aufwachstörungen (Non-REM-Schlaf-Parasomnien) 

Bei Non-REM-Schlaf-Parasomnien (NREM-Schlaf-Parasomnien) handelt es sich um Aufwachstörungen, die auch als sogenannte Arousal-Störungen bezeichnet werden. Das Wort Arousal bezieht dabei auf den Grad der Wachheit. Sie umfassen Schlafstörungen wie den Nachtschreck (Pavor nocturnus), Schlafwandeln (Somnambulismus) und Schlaftrunkenheit. 
 
Typisch für Aufwachstörungen ist ein gleichzeitiges Vorliegen von verschiedenen Bewusstseinszuständen wie Wachzustände und Schlaf. Dabei handelt es sich um unvollständige Weckreaktionen (Arousal) aus dem Tiefschlaf (Non-REM-Schlafphase), die mit bestimmten Verhaltensweisen einhergehen.

So führen Betroffene einfache Handlungen mit geöffneten Augen aus, das Bewusstsein ist aber noch nicht einsatzbereit. Ihre Aktivitäten sind daher nicht zielgerichtet und sinnvoll, sie erkennen die Menschen um sie herum nicht richtig und wenn sie später aufwachen, können sie sich an die Geschehnisse nicht mehr erinnern.

Den verschiedenen Formen der NREM-Schlaf-Parasomnien gemeinsam ist ein genetischer und familiärer Hintergrund sowie die auslösenden Faktoren. Typische Auslöser können Geräusche, Berührungen oder andere äußere Reize sowie eine schlafbezogene Atmungsstörung (Schlafapnoe) oder Bewegungsstörung (Restless-Legs-Syndrom) sein. Neurologische Erkrankungen wie z. B. ein Schädel-Hirn-Trauma oder psychische Störungen sind nicht für die parasomnischen Episoden verantwortlich. 

Pavor nocturnus (Nachtschreck, Nachtangst) 

Der Nachtschreck ist die wohl intensivste Form der Non-REM-Parasomnie. Die Episode tritt meistens zu Beginn der Nacht auf und wird mit einem plötzlichen Erwachen und lautem Schreien eingeläutet. Es kann vorkommen, dass Betroffene aus dem Bett aufstehen und durch die Wohnung umherwandern. Treffen sie währenddessen auf Bekannte, erkennen sie diese jedoch nicht.  

Charakteristisch für die Parasomnie ist eine ausgeprägte Angst mit Herzrasen, schneller Atmung, weit geöffneten Augen und geröteter Haut. Während der Episode wirken Betroffene desorientiert und sie können sich am nächsten Tag an nichts mehr erinnern. Erleben Angehörige oder Eltern das Phänomen Nachtangst bei ihrem Kind zum ersten Mal, reagieren sie oft schockiert. Erfahren sie dann von einem Arzt, dass die Form der Parasomnie harmlos ist, sind sie beim nächsten Mal entspannter. 

Pavor nocturnus tritt bei etwa 20 Prozent aller Kinder auf, aber bei nur einem Prozent häufiger als einmal pro Woche. Bei Erwachsenen hingegen ist der Nachtterror eine seltene Erscheinung. Stress zählt beim Nachtschreck zum häufigsten Auslöser. 

Weitere Informationen zum Pavor nocturnus erhältst Du in dem Artikel: „Nachtschreck bei Kindern: Ursachen, Symptome, Therapie, Vorbeugen“. 

Schlafwandeln (Somnambulismus) 

Beim Schlafwandeln verlassen Patienten aus dem Schlaf heraus, vor allem in der ersten Nachthälfte, das Bett. Die Augen sind weit geöffnet, sie sehen, wohin sie gehen und was sie tun. Obwohl sie nicht richtig wach sind, wirkt ihr Verhalten zielgerichtet und sie führen teilweise komplexe Handlungen durch, die Bewegungen hingegen sind grobmotorig und das Reaktionsvermögen ist herabgesetzt.  

An die nächtlichen Ausflüge und Aktivitäten können die Schlafwandler sich später nicht erinnern. Etwa 20 Prozent der Betroffenen verletzen oder stoßen sich bei ihren Unternehmungen. Häufig bemerken sie durch die Verletzungen erst, dass etwas nicht stimmt und sie möglicherweise Schlafwandeln. Auch Symptome wie Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit (30 Prozent) oder Tagesschläfrigkeit (50 Prozent) können auftreten. Als auslösende Trigger kommen Fieber, Stress, Alkohol, Lärm oder ein Schlafmangel infrage.  

Weitere Informationen zu den Ursachen, Symptomen und Therapiemöglichkeiten erhältst Du in dem Artikel: „Schlafwandeln: Was tun gegen die Nachtwanderung im Tiefschlaf“. 

Schlaftrunkenheit 

Bei einer Schlaftrunkenheit fühlen sich Betroffene nach dem Aufwachen aus dem Tiefschlaf wie betrunken, auch wenn die Schlafstörung nichts mit einer durchgezechten Nacht zu tun hat. Schlaftrunkene Menschen benötigen etwas Zeit, ehe sie nach dem Weckerklingeln richtig da sind. Sie befinden sich zunächst in einem wirren Dämmerzustand, ihre Leistungsfähigkeit ist herabgesetzt und sie sind desorientiert. Schlaftrunkene wirken zwar wach, ihr Bewusstsein steckt aber noch im Schlummermodus. Der Zustand kann bis zu einer Stunde andauern. 

Die möglichen Ursachen für Schlaftrunkenheit sind nach wie vor unklar. In einer Studie wurde festgestellt, dass bei 99 Prozent der Betroffenen gleichzeitig auch psychische Störungen (Depressionen, bipolare Störungen) oder organische Erkrankungen vorliegen (Restless-Legs-Syndrom, Schlafapnoe-Syndrom). Zu den auslösenden Faktoren zählen Schlaf-Wach-Rhythmusstörungen (Schichtarbeit), Medikamente, Drogen und Alkohol. 

Weitere Informationen zu den Ursachen, Symptomen und Therapien erhältst Du in dem Artikel: „Schlaftrunkenheit: Verwirrung beim Aufwachen“. 

REM-Schlaf-Parasomnien 

Die REM-Schlaf-Verhaltensstörung, die Schlafparalyse und Albträume werden nach der aktuellen internationalen Klassifikation für Schlafstörungen (ICSD-3) den REM-Schlaf-Parasomnien zugeordnet. Sie stehen also in enger Beziehung zur Traumschlafphase, die in der zweiten Nachthälfte häufiger stattfindet. 

REM-Schlaf-Verhaltensstörung 

Bei einer REM-Schlaf-Verhaltensstörung (RBD, engl.: „REM sleep behavior disorder“) kommt es während des REM-Schlafs (Traumschlafs) zu Aktionen wie Zuckungen, Reden oder zu anderen komplexen Handlungen, obwohl unsere Muskeln in der Schlafphase normalerweise blockiert und „gelähmt“ sind. Begleitet wird das Reden oder die Bewegungen oft von sehr lebhaften Träumen. 

Äußerst intensive Träume werden manchmal auch mit vielen Bewegungen und Aggressionen ausgelebt. Betroffene können nachts sogar aufstehen und das Bett verlassen. In dem Fall besteht ein erhöhtes Risiko für Verletzungen und Unfälle während der nächtlichen Ausflüge – nicht nur für Träumer, sondern auch für Menschen in der Umgebung. Im Vergleich zum Pavor nocturnus oder Schlafwandeln erinnern sich Betroffenen meistens sehr gut an die lebhaften Träume. 

Männer ab dem 50. Lebensjahr sind häufiger von dem Phänomen betroffen. Schafmediziner gehen davon aus, dass sich dahinter ein Vorbote einer schweren neurologischen und degenerativen Erkrankung verbergen kann, wie es bei der Parkinson-Krankheit der Fall ist. 

Albträume 

Albträume werden auch als Angsträume bezeichnet und sind die häufigste Form der Parasomnie. Sie treten während des Traumschlafs (REM-Phase) auf. Fast jeder von uns hatte schon einmal einen Albtraum. Oft handeln sie von Verfolgung, Tod oder Fallen ins Bodenlose. Albträume können starke Angstgefühle in uns wecken. Neben starker Angst können auch Gefühle wie Trauer oder Ekel hochkommen. Werden die Emotionen zu heftig, wachen wir in der Regel auf.   

Albträume können leicht mit einem Pavor nocturnus verwechselt werden. Im Vergleich zum Nachtschreck können sich Menschen mit Albträumen aber in den meisten Fällen an die Inhalte des Traums erinnern. Es wird geschätzt, dass etwa fünf Prozent der Gesamtbevölkerung unter regelmäßigen Albträumen leidet. Eine Therapie ist dann angezeigt, wenn Betroffene aufgrund der schrecklichen Träume eine Angst vor dem Einschlafen entwickeln oder wenn Albträume mehr als einmal pro Woche auftreten. 

Bei Albträumen kommt eine einfache und wirksame Methode zur Traumbewältigung zum Einsatz. Im ersten Schritt soll der furchteinflößende Traum aufgeschrieben werden, dann wird sich ein neues, positives Ende überlegt und notiert und im dritten Schritt soll das neue Traumende über zwei Wochen jeden Tag für ein paar Minuten eingeübt werden. Die bewusste Konfrontation mit dem Albtraum ist hilfreich und führt zu einer Verminderung von Angstträumen.

Schlaflähmung (Schlafparalyse) 

Bei einer Schlaflähmung oder Schlafstarre können wir keine willkürlichen Bewegungen ausführen und liegen für eine gewisse Zeit wie gelähmt im Bett, obwohl wir bereits erwacht sind. Wir erleben die Lähmung also bei vollem Bewusstsein und können nur die Augen steuern. Die Schlafparalyse tritt entweder am Schlafbeginn (hypnagoge Form) oder beim Erwachen (hypnopompe Form) in der jeweiligen REM-Phase auf. 

Für die Diagnose der Schlaflähmung müssen Schlafmediziner eine Narkolepsie ausschließen, die als neurologische Erkrankungen zu den Hypersomnien gehört und bei der Betroffene am Tag von plötzlichen Schlafattacken heimgesucht werden. 

Weitere Informationen zur Schlaflähmung erhältst Du in dem Artikel: „Schlafparalyse: Ursachen, Auslöser und Therapie“. 

Störungen des Schlaf-Wach-Übergangs 

Schlafstörungen durch rhythmische Bewegungen, Einschlafzuckungen, nächtliche Wadenkrämpfe oder Sprechen im Schlaf (Somniloquie) gehören zu den Parasomnien mit Störungen des Schlaf-Wach-Rhythmus. 

Rhythmische Bewegungsstörungen 

Rhythmische Bewegungsstörungen sind stereotypisch ablaufende Bewegungen im Schlaf. Dazu gehören z. B. Kopfschlagen, Kopfrollen oder Körperrollen. Die Parasomnie tritt meistens bei Kindern auf, im Erwachsenenalter kommt sie nur sehr selten vor. Die Aktivitäten können entweder kurz vor dem Einschlafen auftreten oder auch während des Schlafens und werden oft von summenden oder seufzenden Geräuschen begleitet. 

Schlafmediziner vermuten bei Kindern einen Zusammenhang zwischen der Ausübung dieser rhythmischen Bewegungen und Lernprozessen. Kinder haben gelernt, dass die Aktivitäten eine beruhigende Wirkung auf sie haben und das Einschlafen unterstützen. Daher werden die Handlungen automatisch durchgeführt. Psychische oder körperliche Erkrankungen werden als Ursache nicht vermutet. 

Einschlafzuckungen 

Etwa 70 Prozent der Bevölkerung kennen die plötzlichen, blitzschnellen Zuckungen am Körper während des Einschlafens. Häufig werden die Einschlafzuckungen von visuellen Bildern begleitet, z. B. fallen wir irgendwo hinunter oder stolpern („visuelle“ Einschlafzuckungen). Nehmen wir zu den Zuckungen Geräusche wahr, sprechen Schlafmediziner von „auditiven“ Einschlafzuckungen.

Es handelt sich bei Einschlafzuckungen um ein ganz natürliches Phänomen ohne Krankheitswert und bedarf daher auch keiner Behandlung. 

Sprechen im Schlaf (Somniloquie) 

Das Sprechen im Schlaf, auch als Somniloquie, Somniloquia oder Somniloquenz bezeichnet, gehört ebenfalls zu den rätselhaften Verhaltensweisen, die nachts auftreten, aber medizinisch keine große Relevanz haben. Somniloquie gilt als eine harmlose Parasomnie und tritt bei etwa 20 Prozent der Gesamtbevölkerung auf. Bei Kindern (16 Prozent) tritt die Schlafstörung häufiger auf als bei Erwachsenen (8 Prozent). 

Sprechen oder nuscheln wir im Schlaf einzelne Wörter oder Sätze, passiert das in der Regel während des Wechsels zwischen den verschiedenen Non-REM-Schlafphasen oder während des Schlaf-Wach-Übergangs. Auslösende Faktoren sind wie bei so vielen Schlafstörungen Stress, Fieber oder Alkohol. 

Weitere Informationen zu der Parasomnie erhältst Du in dem Artikel: „Im Schlaf sprechen: Was steckt hinter einer Somniloquie?“. 

Weitere Parasomnien 

Es gibt noch andere Schlafstörungen innerhalb der Parasomnien, die nicht speziell einer Schlafphase zugeordnet werden können. Sie erscheinen weder in der Non-REM-Phase noch in der REM-Phase. Dazu gehören Phänomene wie nächtliches Einnässen (Enuresis nocturna), Zähneknirschen (Bruxismus) oder schlafbezogene Essstörungen. 

Bettnässen (Enuresis) 

Nächtliches Bettnässen kommt bei Kindern relativ häufig vor, bei Erwachsenen eher selten. Etwa fünf Prozent der Kinder im Alter von 10 Jahren sind davon betroffen. Bis zum fünften Lebensjahr gilt nach den internationalen Diagnosekriterien (ICD) das Einnässen als physiologisch.  

Bleibt die Enuresis nocturna länger bestehen, sollten organische Ursachen abgeklärt werden. Dahinter könnte sich z. B. eine gestörte Blasenfunktion verbergen. Die Untersuchungen für die Diagnose finden meistens bei Urologen und Neurologen statt.

Mediziner unterscheiden zwischen einer primären und sekundären Form. Bei der primären Enuresis war das Kind noch nie trocken, bei der sekundären Form tritt die Enuresis nach einer bestimmten Zeit wieder auf. 

Weitere Informationen zum nächtlichen Einnässen erhältst Du in dem Artikel: „Enuresis nocturna: Ursachen, Diagnose und Behandlung“. 

Zähneknirschen (Bruxismus) 

Der medizinische Fachbergriff für nächtliches Zähneknirschen lautet Bruxismus. Viele Menschen knirschen in der Nacht mit ihren Zähnen. Häufig sind es Stress, Anspannungen und Sorgen, die Zähneknirscher mit ins Bett nehmen. Unter starkem Druck pressen sie unbewusst den Ober- und Unterkiefer zusammen. Am nächsten Morgen leiden Betroffene dann unter Kopfschmerzen oder Schmerzen im Kiefergelenk.

Ernste psychische und körperliche Krankheiten stehen in keiner Verbindung zum Zähneknirschen. Auf Dauer können jedoch die Zähne und das Kiefergelenk geschädigt werden, sodass kieferorthopädische Maßnahmen notwendig werden könnten.

Weitere Informationen zum Bruxismus erhältst Du in dem Artikel: „Zähneknirschen: Ursachen, Symptome, Folgen und Therapie“. 

Schlafbezogene Essstörungen 

Eine Form von Schlafwandeln stellt die schlafbezogene Essstörung dar. Betroffene Personen stehen nachts auf, gehen zum Kühlschrank und essen, während sie noch halb schlafen. Orientierungslosigkeit und Verwirrung gehören zu der Parasomnie dazu. Am nächsten Tag können sich Betroffene nicht an ihre nächtlichen Schlemmereien erinnern.

Typischerweise essen sie kalorienreiche Nahrungsmittel wie z. B. Junkfood, merkwürdige Lebensmittel wie tiefgekühlte Kost oder auch ungenießbare Dinge wie Reinigungsmittel. 

Unter dieser Form der Schlafstörung leiden etwa fünf Prozent der Erwachsenen. Schlafbezogene Essstörungen gehen oft mit einer Einschlafstörung (Insomnie) einher. Dabei erwachen Betroffene aus dem Schlaf und können erst dann wieder einschlafen, wenn sie eine Kleinigkeit gegessen haben.  

Parasomnien: Wann zum Arzt? 

Kinder sind häufiger von Parasomnien betroffen als Erwachsene. In den meisten Fällen gelten die Verhaltensauffälligkeiten im Schlaf als harmlos und bei Kindern verschwinden sie meistens auch spätestens bis zur Pubertät. Parasomnien bei Kindern ärztlich abzuklären, ist erst dann notwendig, wenn:

  • Das Kind unter einer ausgeprägten Tagesschläfrigkeit leidet. 
  • Das Verletzungs- und Unfallrisiko erhöht ist. 
  • Familienmitglieder ebenfalls unter dem nächtlichen Verhalten des Kindes leiden. 

Von Albträumen, Pavor nocturnus und Schlafwandeln sind relativ viele Menschen betroffen. Erwachsene sollten die Parasomnien abklären lassen, weil sich hinter den Beschwerden auch andere Erkrankungen verbergen könnten. Es kommt aber immer auch darauf an, wie ausgeprägt die individuelle Belastung durch die Schlafstörung ist.  

Albträume können sich auf Deine Stimmung niederschlagen und eine Angst vor dem Einschlafen hervorrufen. Beim Pavor nocturnus und beim Schlafwandeln besteht ein erhöhtes Risiko für Verletzungen und Unfälle. Begibst Du Dich auf nächtliche Wanderungen oder hast Dich dadurch schon einmal verletzt, wirst Du wahrscheinlich ein gesteigertes Interesse haben, die Schlafstörungen zu behandeln. 

Die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) schreibt in ihrem Ratgeber für Patienten, dass ein häufiges Auftreten von Parasomnien von einmal die Woche oder häufiger als Faustformel angesehen werden kann, ab der ein Besuch beim Arzt sinnvoll ist.

Der erste Weg wird Dich wahrscheinlich in eine Hausarztpraxis führen, wo Du dann eine Überweisung zu den passenden Fachärzten und wahrscheinlich in ein schlafmedizinisches Zentrum erhältst. Im schlafmedizinischen Zentrum finden umfassende Untersuchungen statt, um eine genaue Diagnose zu stellen und um eine Behandlung zu beginnen. 

Parasomnien: Diagnose 

In einem Erstgespräch (Anamnese) nimmt der Arzt Deine Krankengeschichte auf und richtet dabei den Fokus auf Dein Schlafverhalten. Bei Parasomnien stehen Fragen zu den Symptomen, zur Häufigkeit, Dauer und zum Erinnerungsvermögen im Vordergrund. Manchmal ist auch eine genaue Befragung der Eltern, Zimmer- oder Bettpartner hilfreich, weil viele Parasomnien mit Erinnerungslücken einhergehen. Die Befragung der Patienten dient auch dazu, um psychische Erkrankungen, z. B. Depressionen, posttraumatische Belastungsstörungen, Angststörungen oder einen Medikamentenmissbrauch zu erfassen. 

Mit Schlaffrageböden kann der Schlaf von Patienten noch genauer erforscht werden. In manchen Fällen wird auch eine stationäre Beobachtung des Schlafs notwendig. Für den Ausschluss von anderen Erkrankungen dient meistens eine Polysomnographie in einem Schlaflabor.

Polysomnographische Untersuchungen sind sehr umfangreich und aufwendig. Mithilfe eines Schlaflabors können Parasomnien von nächtlichen epileptischen Anfällen, Schmerzsyndromen, Funktionsstörungen der Schilddrüse oder Atemstörungen abgegrenzt werden. Manchmal werden auch internistische oder neurologische Untersuchungen notwendig, um eine Epilepsie oder einen Hirntumor auszuschließen. 

Parasomnien: Therapie 

Viele Parasomnien gelten als ungefährlich und benötigen keine Behandlung. Beeinträchtigen sie jedoch die Schlaf- und Lebensqualität aufgrund einer ausgeprägten Tagesschläfrigkeit oder besteht eine Gefährdung durch Selbst- oder Fremdverletzung, können nicht-medikamentöse und medikamentöse Behandlungen zum Einsatz kommen. Medikamente sollten aber nur in sehr schweren Fällen und nur über einen kurzen Zeitraum eingenommen werden. 

Nicht-medikamentöse Behandlung 

Die wichtigsten Säulen der Therapie bilden eine Stressprävention, das Einhalten eines regelmäßigen Schlaf-Wach-Rhythmus sowie Maßnahmen für eine bessere Schlafhygiene und für ein verbessertes Schlafverhalten.  

Entspannungsmethoden zur Stressprävention 

Um Stress abzubauen, bieten sich verschiedene Entspannungsmethoden wie autogenes Training, progressive Muskelentspannung und Yoga an. Zum Erlernen der Techniken wird eine professionelle Einführung empfohlen. Einführungskurse für die jeweiligen Verfahren bieten Sportvereine oder Volkshochschulen an. Später kannst Du Dein regelmäßiges Training dann auch gut in Deinen eigenen vier Wänden durchführen. 

Viele Krankenkassen unterstützen die Maßnahmen bei Schlafstörungen. Am besten fragst Du bei Deiner privaten oder gesetzlichen Krankenkasse nach, ob sie die Kosten übernehmen oder sich daran beteiligen. 

Hilfsmittel für Schlafwandler und Zähneknirscher 

Schlafwandler sollten unbedingt auf eine sichere Schlafumgebung achten, um Unfälle und Verletzungen zu vermeiden. Als Hilfsmittel können am Körper angebrachte “Biofeedback”-Geräte angewendet werden. Sie messen physiologische Parameter wie z. B. Atmung, Puls, Temperatur oder Hirnströme (Neurofeedback) und wandeln die gemessenen Werte in hörbare Signale um. Wenn Betroffene zu heftig agieren, weckt ihr Gerät sie aus dem Schlaf auf und schützt sie damit vor gefährlichen Unternehmungen und Verletzungen.

Bei Menschen, die nachts mit ihren Zähnen knirschen, können kieferorthopädische Maßnahmen wie Aufbiss-Schienen das Zähneknirschen verhindern und dabei helfen, dass die Zähne auf Dauer nicht poröse werden und sich abnutzen. 

Psychotherapie 

Bei häufigen Albträumen, Bettnässen oder Nachtangst können auch psychotherapeutische Maßnahmen in Form einer kognitiven Verhaltenstherapie hilfreich sein, insbesondere dann, wenn eine starke Angst vor dem Einschlafen besteht.  

Medikamentöse Behandlung 

Bei Parasomnien sollten Medikamente nur in sehr schweren Fällen und über einen kurzen Zeitraum eingenommen werden. Parasomnien, die mit großer Unruhe und Bewegungsstörungen sowie einer erhöhten Unfallgefahr während der Traumschlafphase (REM-Phase) einhergehen, werden mit sogenannten Benzodiazepinen behandelt. Dabei handelt es sich um verschreibungspflichtige Medikamente, die eine beruhigende, angstlösende und schlaffördernde Wirkung entfalten. 

Arzneien aus der Gruppe der Benzodiazepine sollten nur über einen Zeitraum von etwa zwei Wochen eingenommen werden, weil sie schnell süchtig machen und zu einer Abhängigkeit führen. Die Einnahme erfolgt daher in der Regel nur unter ärztlicher Aufsicht. 

Leiden Patienten aufgrund einer Parasomnie unter dauerhaften Ein- und Durchschlafstörungen mit einer starken Tagesschläfrigkeit, kann es den beruflichen und privaten Alltag sowie die Lebensqualität beeinträchtigen. Die Folge daraus könnte eine Depression sein, die dann medikamentös mit Antidepressiva und einer begleitenden Psychotherapie behandelt wird. 

Ausführliche Informationen zu den therapeutischen Möglichkeiten bestimmter Parasomnien erhältst Du hier: 

Pavor nocturnus (Nachtschreck) 

Enuresis nocturna (Bettnässen) 

Schlafparalyse (Schlaflähmung) 

Somniloquie (Reden im Schlaf) 

Bruxismus (Zähneknirschen) 

Somnambulismus (Schlafwandeln)